Selbst die Bayern rufen an

Das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Münster-Kinderhaus ist eines von nur 14 Gymnasien in ganz Nordrhein-Westfalen, die das Abitur nach neun Jahren anbieten. Foto: Bettina Laerbusch, WN MÜnster

Wilhelm Breitenbach würde es wieder tun. Die allgemeine Entwicklung zeige aktuell sehr deutlich, dass das Geschwister-Scholl-Gymnasium mit seinem Beschluss vor zwei Jahren, wieder das Abi nach neun Jahren einzuführen, genau richtig im Trend liege. Der Schulleiter: „Der Trend ,immer schneller‘ ist gebrochen“ – auch in anderen Bundesländern.

Selbst einen Anruf aus Bayern hat er schon gekriegt. Was der Kollege aus dem Süden der Republik von ihm wissen wollte? Genau dieses: „Wie hat das mit der Rückführung von G 8 zu G 9 am Geschwister-Scholl-Gymnasium eigentlich geklappt?“ „Es gibt in anderen Bundesländern bereits wieder Überlegungen, an den Gymnasien zu G 9 zurückzukehren“, sagt im Gespräch mit unserer Zeitung Wilhelm Breitenbach, Leiter des Gymnasiums in Kinderhaus.

Zur Erinnerung: Das Gymnasium in Kinderhaus ist eines von nur 14 Gymnasien in ganz Nordrhein-Westfalen, die vor zwei Jahren G 9 wieder eingeführt haben. Heißt: Die jetzigen fünften und sechsten Klassen des Geschwister-Scholl-Gymnasiums erlangen ihre Reifeprüfung wieder nach neun Jahren. 2005 war G 8 in NRW eingeführt werden, vor zwei Jahren dann hatten alle Gymnasien in NRW die Wahl, bei G 8 zu bleiben oder wieder das Abitur nach neun Jahren anzubieten.

„Auf jeden Fall“, antwortet Wilhelm Breitenbach sofort auf die Frage, ob er und sein Kollegium sich noch einmal für G 9 entscheiden würden. Die allgemeine Entwicklung zeige aktuell sehr deutlich, „dass wir mit unserem Beschluss genau richtig im Trend liegen“. Der Schulleiter: „Der Trend ,immer schneller‘ und in kurzer Zeit das Abitur zu machen, ist gebrochen.“ Die Diskussion gehe jetzt in eine andere Richtung: „Wollen wir nur abfragbares Wissen?“

Auch die Anmeldezahlen bestätigen wohl, dass das Gymnasium die richtige Entscheidung getroffen hat. Breitenbach: „Unsere Schule ist traditionell eine Stadtteilschule, die Schüler kommen aus Kinderhaus, Coerde und Sprakel. Doch seitdem wir wieder G 9-Gymnasium sind, melden verstärkt Eltern aus anderen Teilen Münsters ihre Kinder bei uns an.“ Nur „vereinzelt“ sei das zuvor passiert, „jetzt kommen 15 bis 20 Prozent der Schüler nicht aus dem Stadtteil“.

Welche Gründe nennen diese Eltern? „Es handelt sich um Eltern, die ihren Kindern mehr Zeit gönnen wollen.“ Den Vätern und Müttern sei es wichtig, dass ihre Kinder nachmittags reiten, zur Musikschule gehen oder sich sozial engagieren könnten. Die Kinder, deren Eltern sich bewusst für G 9 entschieden, kämen sowohl aus Professorenfamilien als auch aus Familien mit Migrations­hintergrund, sagt Breitenbach auf Nachfrage.

Die Umstellung zurück auf G 9 hat dem Kollegium einiges an Energie und Zeit abverlangt, räumt der Schulleiter ein. Doch jetzt mache der Fakt, dass es in der Übergangsphase am Geschwister-Scholl-Gymnasium sowohl G 8- als auch G 9-Schüler gibt, keine zusätzliche Arbeit. Breitenbach: „Die Kollegen gehen gerne in die G 9-Klassen, weil sie dort mehr Zeit haben – etwa für Projekte.“ Im Deutschunterricht beispielsweise könnten Schüler eine Zeitung erstellen, dafür sei in G 8-Klassen keine Zeit. Es gebe zusätzliche Computerkurse, soziale Projekte, zusätzliche Mathe-Arbeitsgemeinschaften könnten angeboten werden.

Der Schulleiter betont, dass es nicht darum gehe, dass die Schüler, die nach neun Jahren das Abitur machten, bessere Abschlüsse erzielten. Breitenbach: „Aber es bleibt mehr Zeit zur Entwicklung der Persönlichkeit der Schüler. Abitur heißt ja Reifeprüfung.“

Dass diese Schüler auch verlieren könnten, wenn sie auf den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt kommen, weil sie ein Jahr älter sind als die meisten anderen, lässt Wilhelm Breitenbach nicht gelten. Im Gegenteil: Oft seien G 8-Schüler zu jung – von der Reife her, aber auch ganz praktisch. So müssten sie etwa, weil noch nicht 18 Jahre alt, ihre Eltern mitnehmen, wenn sie sich an der Uni einschreiben wollten.

Auch das Thema „Umzug“ relativiert der Schulleiter: „Bei einem Schulwechsel müssen immer individuelle Lösungen gefunden werden.“ Man müsse schauen, in welche Klasse der jeweilige Schüler am besten passe. Das sei auch beim Wechsel vom einem Bundesland ins andere der Fall.

Einen Wunsch hat Wilhelm Breitenbach übrigens noch für seine um die 70 Kollegen und die gut 700 Schüler: „Wir brauchen mehr Platz.“


Von Bettina Laerbusch, WN Münster