31.12.2013

Hans und Sophie Scholl

Das Leben ist ein Abenteuer hin zum Licht

"Der Geist lebt" steht an einer Hauswand in München. Im Morgengrauen lesen die ersten Passanten den Satz mit Schrecken. Ihr Herzschlag beschleunigt sich noch mehr, als sie ein paar Häuser weiter eine zweite Inschrift entdecken: "Nieder mit Hitler". Keiner der Vorübereilenden bleibt stehen. Das wäre zu gefährlich - und jetzt im Januar des Jahres 1943, in Deutschland. Die Angst der Passanten spiegelt den Mut der Wandmaler nieder, die unter hohem persönlichen Risiko im Dunkeln der Nacht die Inschrift an den Münchener Häusern angebracht haben. Es sind Hans Scholl und seine Freunde von der Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Sie bezahlen ihren Mut ein paar Wochen später mit dem Leben. Wir wollen uns nicht als Märtyrer fühlen. Warum wurden die Geschwister Scholl und ihre Freunde zu Widerstandskämpfern gegen das Nazi-Regime? Und: Woher kamen diese noch ziemlich jungen Menschen - als sie hingerichtet wurden, war Hans Scholl 25 Jahre, Sophie Scholl 22 Jahre alt - den Mut für ihren tödlich gefährlichen Einsatz? Klar ist: Nicht eine krankhafte Todessehnsucht trieb die Geschwister Scholl in die Gefahr. Sie liebten ihr Leben und genossen die Freiheit einer privilegierten gutbürgerlichen Welt, wie ihre später veröffentlichen Biefe erkennen lassen. Sie freuten sich auf erholsame Wochenenden in einem Ferienhaus von Freunden in Bad Tölz, begeisterten sich am Florettfechten, an Fahrradtouren im Isartal und am Baden in der Iller, schwärmten von herrlichen Ferien, von tagelangen Bergwanderungen und Skifahren in den Alpen.

Als gegen Ende des Jahres 1937 alle vier Kinder der Familie Scholl - außer Hans und Sophie auch die Geschwister Inge und Werner - als Freunde der verbotenen Judenbewegung von der Gestapo verhaftet worden waren (Sophie blieb von U-Haft verschont), schrieb Hans aus dem Gefängnis in Stuttgart-Bad Cannstatt seiner Mutter: "Nun hoffe ich, daß wir wieder frohe Menschen werden. Wir wollen uns nicht als Märtyrer fühlen ... Die Fahrten ..., die wir zusammen erlebten, ... werden wir nie vergessen können. Ja, wir hatten nie eine wirkliche Jugend!" So schreibt niemand, dem das Leben gleichgültig ist oder der gar den Tod herbeisehnt! Klar ist auch: Die Geschwister Scholl unterschätzten nicht das Risiko ihrer Unternehmungen im Widerstand gegen das Nazi-Regime und setzten sich dessen schier lückenloser Überwachung unbedacht aus. Bei ihrer ersten Verhaftung und anlässlich einer Anklage wegen "Devisenvergehens" hatten sie einschlägige Erfahrungen gemacht. Darum hielten sie den Freund Christoph Probst, einen Familienvater mit drei Kindern, bewußt aus gefährlichen Aktionen wie dem Verteilen von Flugblättern oder dem Anbringen von Maueranschriften heraus. Zudem hatte insbesondere Hans Scholl beim Militärdienst in Frankreich und Russland gelernt, Distanz zu halten zu den ausschließlichen Ansprüchen eines strengen reglementierten Apparats. "Ich habe hier selten viel Zeit zum Nichtstun und zum Nachdenken", berichtet Hans Scholl seiner Mutter und seiner Schwestern brieflich von der Ostfront. "Wenn ihr mich sehen würdet, müßtet ihr euch wundern, welch geringen Eindruck auf mich das ganze Geschehen hier an der Front macht. Das ist eben das Entscheidende, daß wir mit ganz anderen Voraussetzungen an die Dinge herangehen." Solche Einsichten und Erfahrungen machen besonnen! Schließlich ist klar: Hans und Sophie Scholl betrieben die Opposition zum Terror-Regime der Nazis nicht aus einer engen ideologischen Verbohrtheit heraus, die sie den Tod am Ende als bittere Notwendigkeit hätte schmerzlich in Kauf nehmen lassen müssen. Die Geschwister Scholl waren vielmehr erstaunlich vielseitig interessiert und gewannen ihr Urteil über die nationalsozialistische Weltanschauung und deren politische wie gesellschaftliche Folgen in einer sehr freien, offenen Auseinandersetzung mit den Werken und Entwürfen bedeutender Literaten, Philosophen und Theologen, auch mit viel Sinn für die musischen Seiten des Lebens. Sie lasen Rilke und George, Trakl, Carossa und Hausmann. Claudel, Gide, Bernanos waren ihnen vertraute Namen. Mit Nietzsche hatten sie sich genauso auseinandergesetzt wie mit Hegel und Fichte, Berdjajew und Kant. Bergenguen und Wiechert liebten sie. "Von Hans Carossa lese ich gegenwärtig sein neustes Buch über seine Münchner Studienzeit und entdecke manche Parallelen", entnimmt die Mutter der Scholls einem Brief ihres Sohnes Hans, der allerdings einräumt, seine Generation sei vergleichsweise früh "vor die Wahl gestellt worden zwischen Echt und Unecht, und der bessere Teil in uns hat sich für das beste, das Wahre entschlossen." Daß indes nicht jeder Tag der Geschwister Scholl mit grundsätzlichen weltanschaulichen Überlegungen ausgefüllt war, sondern viel Zeit für unverkrampfte Freude an Kunst und Musik blieb, schildert Sophie einer Freundin: "Ich lasse mir gerade das Forellen-Quintett vom Grammophon vorspielen ... Man spürt und riecht in diesem Ding von Schubert förmlich die Lüfte und Düfte und vernimmt den ganzen Jubel der Vögel und der ganzen Kreatur. Die Wiederholung des Themas durch das Klavier - es kann einen entzücken." Nicht denkerische Enge, sondern die Freiheit des Geistes und die Empfindsamkeit junger Gemüter waren offenbar die stärksten Antriebskräfte für den Widerstand der Leute von der "Weißen Rose" gegen die Nationalsozialisten. Die Vernunft ist eine Hure. Die Mauerinschrift "Der Geist lebt!" stellt also zweifellos mehr dar als bloß eine einprägsame Parole. Sie ist gleichsam das Motto für Denken und Handeln der Geschwister Scholl, wirft ein Licht auf ihre geistige Herkunft, erhellt die Horizonte ihres Handelns, steht über ihrem kurzem Leben und - über ihrem Sterben. Im Nationalsozialistischen Deutschland mußte die Überzeugung "Der Geist lebt!" unausweichlich zu der Folgerung führen: "Nieder mit Hitler!". Wir wissen, daß diese Folgerung nur sehr vereinzelt gezogen wurde, sehr spät und - auch im Fall der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" - am Ende mit nur sehr begrenzter Wirkung. Diese Feststellung gilt bis heute. Denn bis heute sind die Urteile des sogenannten "Volksgerichtshofes" gegen die deutschen Widerstandskämpfer nicht aufgehoben. Der Bundestagsabgeordnete Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Jürgen Schmude, hat erst vor kurzem die längst überfällige Rehabilitierung der Opfer dieser Urteile eingefordert. Daß eine solche Forderung 50 Jahre nach dem Ende des "Dritten Reiches" noch erhoben werden musz&lig;, hat etwas mit der verbreiteten Unfähigkeit der Menschen zu tun, ihre Begabungen und Möglichkeiten, vor allem die Kräfte ihres Verstandes ausreichend kritisch zu gebrauchen. Auch Hans und Sophie Scholl und ihre Freunde hatten zu lernen, daß eine noch so umfassende allgemeine Bildung und auch brillante intellektuelle Fähigkeiten im nationalsozialistischen Deutschland nicht ausreichten, gegen die Verführungen durch den Ungeist einer vermeintlich positiven Weltanschauung geschützt zu sein. Daß die Vernunft eine Hure sei - wie Luther einmal gesagt hat - , wurde ihnen nicht zuletzt an der Universität täglich durch "linientreue" Professoren vor Augen geführt. "Nicht von der Masse rede ich, sondern von der Elite des Volkes, die für den geistigen Gehalt und die Richtung des ganzen Volkes verantwortlich ist: Die also in diesem Jahrhundert und wahrscheinlich schon früheren so schnell versagt hat, daß das geistige Niveau seiner Pfeiler beraubt ins Chaotische gestürzt ist", so heißt es in einer Notiz, die Hans Scholl vermutlich im Winter 1942/43 auf einen Briefumschlag gekritzelt hat. Die Notiz endet mit der Einsicht: "Diese Elite ist heute, da sie das drohende Verh&aum;ngins ahnt, zu einem noch größeren Irrtum fähig: Sich abzuschließen von der realen Welt mit ihren Irrtümern und ein Eigendasein zu führen ... Es gibt aber für sie keine größere Gefahr als die Flucht ins Ästhetische." Im Grunde sind hier von Hans Scholl zwei unterschiedliche intellektuelle Haltungen gegenüber dem Terrorregime des Nationalsozialismus beschrieben, die bei vielen Deutschen, aber längst nicht bei allen, im Laufe der Zeit einander ablösten: Die Haltung der bedingungslos verführten Überzeugungstäter und die Haltung derer, die je länger, desto deutlicher das Hitlerregime als unrechtmäßig und verbrecherisch erkannten, aber nicht den Mut fanden, aus dieser Erkenntnis Folgerungen zu ziehen. Die letzteren unter den Mitgliedern des Volksgerichtshofes waren gemeint, als Sophie Scholl bei ihrer Verhandlung am Tag ihrer Hinrichtung unerschrocken ausrief: "Was wir schrieben und sagten, das denken Sie alle auch, nur haben Sie nicht den Mut, es auszusprechen." Dem Gefängnispfarrer, der sie an ihrem Todestag begleitete, berichtete Sophie, erstaunlicherweise habe nicht einmal der Oberreichsanwalt gegen diesen Satz protestiert. Goethe hat das Chaos nicht besungen. Warum fanden all jene nicht zu aktivem Widerstand, die Jahrzehnte später für sich beanspruchten, immerhin geistig in der Opposition gewesen zu sein, etwa - zurückgetreten in eine Nische die Hand nicht zum Eid auf den "Führer" gehoben zu haben? Wo hätte man die "Pfeiler des geistigen Niveaus" einrammen können, von denen Hans Scholl sprach? Wo hätte man Maßstäbe für das eigene wache Gewissen finden können? Seine Antwort auf solche Fragen hat Hans Scholl in einer Tagebuch Notiz vom Sommer 1942 in Rußland festgehalten: "Es kann niemand schöner dichten, als es Goethe getan hat. Er hat vielleicht als einziger unter den Menschen die ganze Schöpfung in seinem ungetrübten Blick erfaßt, und ergriffen bis in den letzten Hauch seine Seele, hat er die Schönheit des Kosmos besungen. Aber er hat das Chaos nicht besungen. Er hat sich nie aller seiner reichen Kleider entledigt und ist nie unter den Ärmsten und Kranken gewandelt. Er konnte es nicht, weil er hätte hinuntersteigen müssen von seinem Thron. Weil ihm sein klarer Geist sagte, daß es mit dem Hinuntersteigen nicht getan ist. Man muß hinuntergezogen werden ... so, daß man ... selbst arm ist und alles frühere vergessen hat. Da sehe ich Franz von Assisi und Beethoven und Rembrandt. Bettler und Sünder, die Christus erlöst hat." Mit anderen Worten: Zu wirklicher kritischer Unabhängigkeit gelangt die Überlegenheit des Geistes, finden die Kräfte des Verstandes nur in der Bindung an Gott, der das - im Angesicht der Ewigkeit - chaotische Leben seiner Menschenkinder bedingungslos teilt. Aktenkundig ist: Maßstab für das Denken und Handeln der Geschwister Scholl und ihrer Freunde von der "Weißen Rose" war die Botschaft des Mannes aus Nazareth, der nicht daran festhielt, zu sein wie Gott, sondern sogar den Tod des Menschen auf sich nahm. Man muß ein Geheimnis mit sich tragen Woher nahmen die Freunde von der "Weißen Rose" den Mut, hinabzusteigen in ein Leben des Widerstands und dessen Gefahren auf sich zu nehmen? "In meiner Brusttasche trage ich die Knospe einer Rose", schreibt Hans Scholl im Frühsommer 1938 an seine Schwester Inge. "Ich brauche diese kleine Pflanze, weil das die andere Seite ist, weit entfernt von allem Soldatentum und doch kein Widerspruch zu dieser Haltung. Man muß immer ein kleines Geheimnis mit sich herumtragen." Worin besteht dies Geheimnis? Was "die andere Seite"? Die Geschwister Scholl haben wohl die Tradition gekannt, nach der die weiße Rose ein Zeichen des Himmels ist. Alte Kirchenväter sahen Menschen, die sich dem Frieden auf Erden verschrieben hatten, bei Gott mit Kränzen aus den Blüten der weißen Blume geschmückt. Dante schaute im "Paradiso" die weiße Himmelsrose. Luther wählte sie für sein Familienwappen als Symbol für Freude, Friede und den Mut des Glaubens. Die weiße Rose vergegenwärtigt gleichsam den Horizont, vor dem kritisch gegenüber allem unmittelbar Einleuchtenden gedacht und alternativ zu allem Gewohnten gelebt werden muß. Mehr noch: sie steht für den Ursprung von Mut und Kraft eines Denkens, das nicht zurückschreckt vor seinen praktischen Folgen, sondern guten Gewissens das alltägliche Handeln sucht, weil es sich gehalten weiß von dem ganz Anderen - von Gott. Dietrich Bonhoeffer, der im deutschen Widerstand einen ähnlichen Weg ging wie die Geschwister Scholl, wußte, daß in lebensgefährlichen Krisen nur bleibt: Beten und das Gerechte tun. Das klingt wie eine Kurzformel für Glauben und Leben von Menschen, die eine Rose als ihr Geheimnis mit sich tragen. In zwei Tagebucheintragungen hat Hans Scholl seine Überzeugung im Sommer 1942 festgehalten: "Wenn Christus nicht gelebt hättte und nicht gestorben wäre, gäbe es wirklich gar keinen Ausweg. Dann müßte alles Weinen grauenhaft sinnlos sein. Dann müßte man mit dem Kopf gegen die nächste Mauer rennen und sich den Schädel zertrümmern. So aber nicht." Was ihm seine Glaubensgewißheit im Maßstab der Weltanschauungen bedeutete, hat Hans in Rußland nach dem Besuch eines orthodoxen Gottesdienstes niedergeschrieben. "Die Herzen der Gläubigen ... haben heimgefunden zu ihrer wahrhaftigen Heimat. Ich möchte weinen vor Freude, denn auch in meinem Herzen löst sich eine Fessel nach der anderen, denn ... ich sehe, daß über diesen gebrochenen (russischen) Menschen immer noch ein Engel schwebt, der stärker ist als die Mächte des Nichts. Der geistige Nihilismus war für die europäische Kultur eine Gefahr ... Nach dem Nichts kommt nichts mehr. Es muß aber etwas kommen, weil ... immer noch Hüter das sind, die das Feuer entfachen und es von Hand zu Hand weitergeben. ... Der Wolkenschleier wird gleichsam zerrissen von der Sonne eines neuen religiösen Erwachens ." Ein Wort des französischen Dichters Paul Claudel, das Hans zitiert, spiegelt das Selbstbewußtsein wie das Schicksal der Geschwister Scholl gleichermaßen wider: "Das Leben ist ein großes Abenteuer hin zum Licht." Christus war noch näher als der Tod Bleiben Mut und Kraft des Glaubens von Sophie und Hans auch im Angesicht des Todes erhalten? Der Pfarrer, der die Geschwister in der letzten Stunde ihres Lebens begleitete, hat 1946 in einem Buch mit dem Titel "Todeskandidaten" aus seinen Aufzeichnungen berichtet: "Bebenden Herzens betrat ich die Zelle des mir völlig unbekannten Hans Scholl - wie sollte ich ihm in dieser allzu kurz bemessenen Frist (nur eine Stunde ließ man den Verurteilten, ihre Angelegenheiten zu ordnen) ... so nahe kommen, daß ich ihn und seine Schwester richtig zu diesem furchtbaren Ende bereitete? ... Aber Hans Scholl enthob mich aller Zweifel und Sorge. Nach kurzem Gruß und festem Händedruck bat er mich, ihm zwei Bibelabschnitte vorzulesen: das Hohelied der Liebe aus dem 1. Korinther-Brief des Paulus und den 90. Psalm: Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für ..." Beide Geschwister hätten gewünscht, das Abendmahl zu empfangen, erinnert sich der Pfarrer und beschreibt dann in einer uns heute etwas alterümlich klingenden Sprache das Gefühl, das ihn mit den Todgeweihten berband: "Die Zelle weitete sich ... Man meinte, das Flügelrauschen der Engel Gottes zu hören, die sich bereiteten, ... versöhnte Gotteskinder emporzuführen in den Saal der Seligkeit." Die Abschiedsbriefe, die Hans und Sophie in der Zelle geschrieben haben, sind nicht weitergeleitet worden und darum verloren. Doch hat sich der Pfarrer aus Hans Scholls letztem Brief an seine Eltern ein paar Sätze notiert: "Ich bin ganz stark und ruhig ... Ich danke Euch, daß Ihr mir ein so reiches Leben geschenkt habt. Gott ist bei uns. Es grüßt Euch zum letzten Mal Euer dankbarer Sohn Hans." Sophie wurde vor Hans zum Schafott geführt. In ihrer letzten Stunde bewährte sich offenbar, daß sie Christus seit langem verstanden hatte als den "seltsamen großen Bruder, der immer da war, noch näher als der Tod". Der Gefängnispfarrer erinnert sich: als der Wächter an die Zellentür pochte, habe Sophie autrecht "ihre letzten Grüße an den ihr unmittelbar folgenden innigst geliebten Bruder" ausgerichtet. Auf den nun schon vergilbten Blättern des Buches mit dem Titel "Todeskandidaten" schließt der Bericht über das Ende von Hans und Sophie Scholl mit diesen Zeilen des Augenzeugen: "Bevor er das Haupt auf den Block legte, rief Hans Scholl noch mit lauter Stimme: Es lebe die Freiheit! So starben die Geschwister Scholl." Was soll's? Mehr als ein halbes Jahrhundet nach dem gewaltsamen Tod der Freunde von der "Weißen Rose" kann in Deutschland, wer will, ziemlich risikolos Inschriften auf Häuserwände, Brückenpfeiler, Gartenmauern sprühen. Niemand bleibt mehr ängstlich stehen, wenn er auf dem Weg zur Schule oder zu einem anderen Arbeitsplatz ein neues Grafitto entdeckt. Im Gegenteil: vor frisch bemalten Wandflächen halten wir neugierig Ausschau nach einem neuen Spruch, schütteln den Kopf über einseitig-radikale Parolen, lächeln über eine einfallsreiche Pointe. Dann gehen wir weiter - was soll's? Man kann bedauern, daß den meisten von uns - auch angesichts steiler Sprühparolen - in der Regel nicht mehr einfällt als die schlichte Frage "Was soll's?" Allerdings: wieviele von uns wären bereit, sich mit persönlichem Risiko einzusetzen für die Freiheit, zu fragen: "Was soll's?"

Mit freundlicher Genehmigung von
Pfarrer Jürgen Hülsmann, Münster