Netzwerk Weiße-Rose

Vor dem Hintergrund des Vermächtnisses der Widerstandsgruppe Weiße Rose hat die Stiftung das Netzwerk Weiße Rose für junge Menschen ins Leben gerufen. Unsere Schule ist dort mit der Schülerstiftung Courage vertreten.

Die Weiße Rose

Die Weiße Rose in München und Hamburg ist die bekannteste Widerstandsgruppe junger Deutscher im Dritten Reich. Ihr Kern bestand aus den 21- bis 25jährigen Studenten Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf und Christoph Probst.

Im Juni 1942 handelten Alexander Schmorell und Hans Scholl. Sie verfaßten die vier Flugblätter der Weißen Rose, die zum passiven Widerstand gegen den Krieg und gegen die geistige Unterdrückung durch die Nationalsozialisten aufforderten. Die Texte waren alle auf hohem Sprachniveau abgefaßt und appellierten an christliche Wertvorstellungen. Apokalyptische Textpassagen aus der Bibel waren in fast einschüchternder Weise in die Flugblattexte eingeflossen. Dieser auffallende und ungewöhnliche Stil der ersten vier Flugblätter spiegelte die Interessen wider, die den Freundeskreis um die Gruppe der Weißen Rose zusammenhielten und charakterisierten. Die Flugblätter tauchten in der Zeit vom 27. Juni bis 12. Juli 1942 in München in Briefkästen einer ausgewählten intellektuellen Oberschicht auf... In Zusammenarbeit mit Professor Kurt Huber, dessen regimekritische Einstellung die Studenten von seinen Vorlesungen her kannten, entstanden dann im Januar und Februar 1943 ein Aufruf an alle Deutschen und ihr letztes und bekanntestes Flugblatt:

"Kommilitoninnen! Kommilitonen!
Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer wir danken dir!
Es gärt im deutschen Volk: Wollen wir weiter einem Dilletanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen? Wollen wir den niedrigsten Machtinstinkten einer Parteiclique den Rest unserer deutschen Jugend opfern? Nimmermehr! Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigen Tyrannis, die unser Volk erduldet hat. Im Namen des ganzen deutschen Volkes fordern wir vom Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut der Deutschen zurück , um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen. In einem Staat rücksichtsloser Knebelung jeder freien Meinungsäußerung sind wir aufgewachsen. HJ, SA und SS haben uns in den fruchtbarsten Bildungsjahren unseres Lebens zu uniformieren, zu revolutionieren, zu narkotisieren versucht...
Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, ihre Peiniger zerschmettert und ein neues geistiges Europa aufrichtet. Studentinnen! Studenten! Auf uns sieht das deutsche Volk! Von uns erwartet es, wie 1813 die Brechung des Napoleonischen, 1943 die Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes. Beresina und Stalingrad flammen im Osten auf, die Toten von Stalingrad beschwören uns!
Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen! Unser Volk steht im Aufbruch gegen die Verknechtung Europas durch den Nationalsozialismus, im neuen gläubigen Durchbruch von Freiheit und Ehre."

Die letzten beiden Flugblätter unterscheiden sich stilistisch und im Inhalt deutlich von den schöngeistigen und literarischen ersten vier Botschaften. Die Flugblätter sind eindeutig politischer, ihre Sprache ist klarer, sie sprechen alle Bevölkerungsschichten, die Studenten aller Fakultäten an. Konkrete Pläne zum Nachkriegs-Deutschland werden vorgestellt.

Nachdem die Niederlage der 6. Armee in Stalingrad durch die Sondermeldung vom 3. Februar 1943 bekannt wurde, haben Willi Graf, Alexander Schmorell und Hans Scholl nachts Wandparolen wie "Nieder mit Hitler" und "Freiheit" an die Universitätsgebäude und Hauswände des Universitätsviertels mit Teerfarbe angebracht.

Beim Verteilen des letzten Flugblatts im Treppenhaus des Hauptgebäudes der Münchener Universität wurden Hans und Sophie Scholl am 18.Februar 1943 entdeckt und festgehalten, der Gestapo denunziert und zusammen mit Christoph Probst schon am 22. Februar in einem Prozeß vor dem Volksgerichtshof angeklagt. Die Verhandlung führte der berüchtigte Roland Freisler. Die Geschwister Scholl und Christoph Probst wurden nach dreieinhalb Stunden zum Tode verurteilt und noch am selben Nachmittag hingerichtet. Zwei Tage vor ihrer Verhaftung durch die Gestapo hatte Sophie einem Bekannten gegenüber noch gesagt: "Es fallen so viele Menschen für dieses Regime, es wird Zeit, daß einer dagegen fällt." Weitere Prozesse und Todesurteile folgten. Am 19. April 1943 wurden Willi Graf, Alexander Schmorell und Kurt Huber zum Tode verurteilt. Schmorell und Huber wurden am 13. Juli 1943 hingerichtet, Graf am 13. Oktober. Im Herbst 1943 verhaftete die Gestapo auch die Mitglieder einer Hamburger Gruppe, die über Hans Leipelt Verbindung nach München hatte und ebenfalls Flugblätter der Weißen Rose und weitere Schriften verbreitet hatte.

Hans Leipelt ist am 18. Juli 1921 geboren und studierte an der Universität München Chemie, wo er damals noch Frau Jahn kennenlernte und kurz nach der Verhaftung von Hans und Sophie Scholl, bekamen sie das 6. Flugblatt per Post zugeschickt. Mit Marie-Luise Jahn beginnt er, das Flugblatt zu verfältigen und weiterzuverteilen. "Und ihr Geist lebt trotzdem weiter!" schreibten die beider über den Text. Nach der Verhaftung von Professor Kurt Huber sammeln Leipelt und Jahn Geld, dass sie der Frau Huber anonym zukommen lassen. Die Geldsammlung wird denunziert. Hans Leipelt wird am 8. Oktober 1943 verhaftet und Marie-Luise Jahn wird am 18.Oktober verhaftet, mit sieben weitere Freunde. Die beide wurden am 13. Oktober 1944 in Donauwörth vom Volksgerichtshof verurteilt, Hans Leipelt zum Tode und Marie-Luise Jahn zu 12 Jahren Zuchthaus. Am 29. Januar 1945 wird Hans Leipelt in München-Stadelheim hingerichtet.

In den Aktionen der Weißen Rose kamen noch einmal die bildungsbürgerlichen und christlichen Traditionen des deutschen Idealismus zum öffentlichen Ausdruck von moralischer Betroffenheit, grundsätzlicher Kritik am NS-Regime und zu politischer Wirksamkeit, nachdem so viele ihrer Vertreter 1933 vor dem Nationalsozialismus verstummt waren oder sich sogar zu seiner Unterstützung bereitgefunden hatten. Die Lebensläufe der Münchener Studenten zeigen daher sowohl die Gemeinsamkeiten ihrer sozialen Herkunft als auch die Vielfalt ihrer Jugenderfahrungen. Sie können als Beispiel für viele Bildungsgeschichten bürgerlicher Jugendlicher ihrer Generation stehen, die ähnlich dachten und fühlten, ohne allerdings die Konsequenz widerständigen Handelns zu ziehen. Alexander Schmorell hatte schon von seinem Elternhaus her eine tiefe Verbundenheit zur russischen Kultur gewonnen, die ihn die nationalsozialistischen "Untermenschen" -Ideologie hassen lehrte. Seine Freiheitssehnsucht führte ihn in bündische Gruppen, in denen er sich dem Drill der HJ entzogen fühlen konnte.
Christoph Probst konnte sich mit Hilfe seiner Eltern (seine Stiefmutter war Jüdin) dem schulischen Konformitätsdruck im Dritten Reich durch den Wechsel in ein Internat am Ammersee entziehen. Willi Graf entstammte dem rheinischen katholischen Milieu und schloß sich eng dem katholischen Bund "Neudeutschland " an. 1936 trat er dann dem religiös-männerbündischen Grauen Orden bei, weswegen er im folgenden Jahr auch zum ersten Mal verhaftet wurde. Auch Hans Scholl geriet 1937 wegen seiner Zugehörigkeit zur verbotenen bündischen Organisation Deutsche Jungenschaft vom 1.11. zeitweise in Haft. er hatte allerdings einige Jahre zuvor aus der evangelischen Jugendbewegung zur HJ gewechselt, die ihm die Verwirklichung seiner jugendlich-idealistischen Vorstellungen und die Lösung vom väterlichen Einfluß zu versprechen schien. Diese Illusionen verflogen schnell in der Erfahrung des täglichen Kadavergehorsams und Drills bei der HJ. Auch Sophie Scholl hatte der HJ angehört, sich aber frühzeitig vom Frauentyp des Bundes Deutscher Mädel emanzipiert. Ihre Abkehr von der regimekonformen Rollenzuweisung verband sich mit weitgehender politischer Kritik. Sie hatte, und darin steht sie für ihre ganze Gruppe, nichts übrig für Leute, die sich nur darum sorgen, heil aus dem Krieg herauszukommen.

Über Deutschland hinaus wurden die mutigen Taten der Weißen Rose noch während des Krieges bekannt. Thomas Mann würdigte sie in seiner Rundfunkansprache vom 27. Juni 1943 in der BBC. Das letzte Flugblatt der Weißen Rose wurde in England nachgedruck und von britischen Flugzeugen über Deutschland abgeworfen.
Längst stehen die Geschwister Scholl auf ihrem Denkmal, sind selber eines, spätestens, seit Golo Mann über sie befand: Hätte es im deutschen Widerstand nur sie gegeben, die Geschwister Scholl und ihre Freunde, so hätten sie alleine genügt, um etwas von der Ehre des Menschen zu retten, welcher die deutsche Sprache spricht. Längst also gibt es Gedenktafeln, Gedenkstraßen und - plätze, Gedenkfeiern, über zweihundert Gedenkschulen (davon ca. fünfzig in den neuen Bundesländern) und seit 1980 einen Gedenkpreis.

Der Historiker Wilfried Breyvogel, der die Rezeptionsgeschichte der Weißen Rose untersucht hat, resümiert in diesem Zusammenhang: Im öffentlichen Bild gilt es, die Wahrnehmung der Gruppe weiter zu dezentralisieren. Gelungen wäre dies, wenn es neben den vielen Geschwister-Scholl-Schulen auch eine Alexander-Schmorell-Schule oder - auf die ganze Gruppe bezogen - mehr Weiße-Rose-Schulen geben würde.

Wie soll man ihrer Geschichte gedenken, ohne ins Schwärmen, ins bloße Nachtrauern, ins stümperhafte Nacherzählen abzugleiten? Die Scholls wollten ja gerade keine Helden, keine Märtyrer sein, sie wollten den Strahlenkranz nicht, die feierliche Pose, den festlichen Glanz. Dem Verhörbeamten Robert Mohr, der sie zu einer geschickten Ausrede anstiften und sie vor dem Beil retten wollte, hatte Sophie kurz und bündig zur Antwort gegeben: Sie täuschen sich, ich würde alles genau noch einmal so machen, denn nicht ich, sondern Sie haben die falsche Weltanschauung.

Sie, ihr Bruder, ihre Freunde, die hingerichtet wurden, weinten nicht, schrien nicht, klagten nicht, als sie zum Henker gehen mußten. Wie nur die stille Tapferkeit wiedergeben und bewahren, mit der sie revoltierten und mit der sie dann auch starben? Für die Scholls ehrlichen Herzens, aufrechten Denkens zu schwärmen - wie leicht ist das, wie verführerisch leicht. So wie sie einzustehen, wenn es notwendig ist - wie schwer wäre das wieder, wie schwer wäre es noch immer, 'dagegen zu fallen'

Rudolf Diekmann


Literaturverzeichnis:

Breyvogel, Wilfried (Hrsg): Piraten, Swings und junge Garde. Jugendwiderstand im Nationalsozialismus, Bonn 1991

Die kritische Gruppe "Weiße Rose". Anmerkungen zur Rezeptionsgeschichte und kritischen Rekonstruktion, in: Breyvogel, Piraten..., S.159 - 201

Dumbach, Annette/Newborn,Jud: Wir sind euer Gewissen. Die Geschichte der Weißen Rose, Stuttgart 1988

Graf, Willi: Briefe und Aufzeichnungen, hrsg. v. Anneliese Knoop-Graf u. Inge Jens, Frankfurt a. M. 1994

Hanser, Richard: Deuschland zuliebe. Leben und Sterben der Geschwister Scholl, München 1980

Jens, Inge: Die Weiße Rose. Biographische und kulturelle Tradition, in: Breyvogel, Piraten..., S.202-221

Über die Weiße Rose. Wehrt Euch, in: Wiesbadenrer Literaturtage, Stuttgart 1990, S.112-131

Knoop-Graf, Anneliese: Jeder einzelne trägt die ganze Verantwortung. Widerstand am Beispiel Willi Graf, in: Breyvogel, Piraten...,S.222-240

Lexikon des deutschen Widerstandes, hrsg. v. Wolfgang Benz u. Walter h. Pehle, Frankfurt a. M. 1994

Müller, Franz-Josef: Die Weiße Rose, in: Hübner, Irene: Unser Widerstand. Deutsche Frauen und Männer berichten über ihren Kampf gegen die Nazis, Frankfurt a. M. 1982, S. 104-113

Scholl, Inge: Die Weiße Rose, erw. Neuausgabe 1994

Scholl, Hans/Scholl, Sophie: Briefe und Aufzeichnungen, hrsg. v. Inge Jens, Frankfurt a. M. 1994

Siefken, Heinrich (Hrsg.): Die Weiße Rose. Student Resistance to National Socialism 1942/43. Forschungsergebnisse und Erfahrungsbrichte, Nottingham 1991

Steffahn, Harald: Die Weiße Rose, Reinbek 1993, 3. Aufl.

Vinke, Hermann: Das kurze Leben der Sophie Scholl. Ravensburg 1994

Die Weiße Rose. Der Widerstand von Studenten gegen Hitler. München 1942/43, hrsg. v. d. Weiße Rose Stiftung e. V., München 1994. Die Weiße Rose und das Erbe des deutschen Widerstandes. Münchener Gedächtnisvorlesungen. München 1993.

Reproduktionen der Flugblätter, die von der Weißen Rose verfaßt wurden, sind bei der Weiße Rose Stiftung e. V., Genter Str. 13, 80805 München, erhältlich.